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Blog-Einträge von Fluesterleise
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27.06.2026 - 23:53 h
Der vierundzwanzigste Oktober Zweitausendundichweißnichtwann
(eine Erinnerung vom letzten Herbst)
Ich muss Dir gestehen, an dem Abend, an dem wir uns näher kennenlernten, hatte ich eigentlich zu einer der Eisenbahnbrücken gehen wollen, irgendwann in der Nacht. Ich hatte nicht länger in westlicher Richtung in die Stadt hinein abbiegen wollen, wie ich das schon seit Wochen an den Abenden und Nächten tat, eigentlich seit ich hierher gezogen war, um mit Musik in den Ohren durch die jetzt verlassenen Straßen der Stadt zu streifen, schließlich bei meinem Lieblingsrestaurant einzukehren, das wohl nur deshalb dazu geworden war, weil zu dieser späten Stunde außer mir niemand mehr zu Gast darin war (hatte es denn zu anderen Zeiten andere Gäste?), sondern nach Osten, dahin wollte ich heute. Hinunter zum Fluss, und der großen Eisenbahnbrücke. Sie, die dort im Halbdunkel der Novembernacht leise vor sich hin rostete, schemenhaft den riesigen, meist schrecklich trägen Fluss überspannte. Ich hatte sie mir näher ansehen wollen, heute Nacht. Jetzt, wo ich von ihr wusste, seit ich vor wenigen Tagen scheinbar zufällig auf einer längeren Laufrunde unter ihr hindurch gerannt war, meinen aufgeregten Atem als kleine Wölkchen in den kalten Novembermorgen blies. Ich hatte sie nicht vergessen. Und ich hatte sie mir ansehen wollen. Nicht, weil ich unbedingt vorhatte, dort zu sterben, zumindest nicht heute, aber ob man hinaufklettern könnte, um erhöht zu sitzen, die nächtlichen Züge beinahe hautnah unter sich hindurch rauschen zu spüren, sodass es nicht viel bedürfe, ich vielleicht sogar kurzerhand die Hände vom Gelände nähme, um einen Moment nur frei zu balancieren, das hatte ich herausfinden wollen. Ich hatte das tun wollen, ohne mir groß etwas dabei zu denken, noch dass ich mich darüber gewundert hätte. Ich hätte es mit derselben stillen Gewissheit getan, wie ich vor Jahren, als ich noch Kind war, manchmal in den Winternächten auf dem Asphalt lag und schaute, ob ich nicht vielleicht doch irgendwann einschlief, wenn ich nur lange genug wartete (wie lange hätte ich denn warten müssen?). Ebenso wenig wusste ich, woher meine plötzliche Affinität zu Brücken gekommen war. Vielleicht genügte, dass es hier welche gab, anders als in meiner Heimat. Und dass es hier niemanden gab, der mich daran hätte hindern können. Solche Brücken hatte ich früher nicht gekannt. Oder nicht gesehen. Stattdessen sehe ich auch heute noch den Weg vor mir, den ich damals gegangen wäre. Ich sehe ihn wieder, und wieder. Manchmal ist mir dann, als warte er noch immer dort, in der Nacht.
Doch Du warst es, der mir schrieb, Ob wir uns nicht spontan sehen, einen Film zusammen anschauen wollten. Wenige Minuten vor meinem Aufbruch, ich längst die Jacke über der Schulter. Na gut, dachte ich mir. Die Eisenbahnbrücke wird auch morgen noch da sein (auch wenn ich etwas Angst hatte, sie könnte nicht). Ich stieg ins Auto, fuhr durch die Nacht, hörte Them von Nils Frahm dabei, denn was hätte ich nun sonst hören sollen. Zu dieser Stunde, in dieser Stadt, allein unterwegs, nun aber ausgerechnet einmal zu Dir. Ich glaube nicht, dass ich Dir das je erzählt habe, oder? Von der Eisenbahnbrücke, und mir; und dass ausgerechnet Du es warst, der sich zwischen uns stellte.
Nun, es ist der vierundzwanzigste Oktober, und das ist meine Erinnerung. An eine Nacht, die heute ziemlich genau zehn Jahre zurückliegen dürfte. Dass es zehn Jahre sind, verstehe ich auch erst jetzt, wie ich es geschrieben habe. Das bedeutet auch, dass wir beide uns wahrscheinlich nie kennengelernt hätten, wäre vor zehn Jahren und wenigen weiteren Tagen nicht Unglück über Dein Leben gekommen.
(eine Erinnerung vom letzten Herbst)
Ich muss Dir gestehen, an dem Abend, an dem wir uns näher kennenlernten, hatte ich eigentlich zu einer der Eisenbahnbrücken gehen wollen, irgendwann in der Nacht. Ich hatte nicht länger in westlicher Richtung in die Stadt hinein abbiegen wollen, wie ich das schon seit Wochen an den Abenden und Nächten tat, eigentlich seit ich hierher gezogen war, um mit Musik in den Ohren durch die jetzt verlassenen Straßen der Stadt zu streifen, schließlich bei meinem Lieblingsrestaurant einzukehren, das wohl nur deshalb dazu geworden war, weil zu dieser späten Stunde außer mir niemand mehr zu Gast darin war (hatte es denn zu anderen Zeiten andere Gäste?), sondern nach Osten, dahin wollte ich heute. Hinunter zum Fluss, und der großen Eisenbahnbrücke. Sie, die dort im Halbdunkel der Novembernacht leise vor sich hin rostete, schemenhaft den riesigen, meist schrecklich trägen Fluss überspannte. Ich hatte sie mir näher ansehen wollen, heute Nacht. Jetzt, wo ich von ihr wusste, seit ich vor wenigen Tagen scheinbar zufällig auf einer längeren Laufrunde unter ihr hindurch gerannt war, meinen aufgeregten Atem als kleine Wölkchen in den kalten Novembermorgen blies. Ich hatte sie nicht vergessen. Und ich hatte sie mir ansehen wollen. Nicht, weil ich unbedingt vorhatte, dort zu sterben, zumindest nicht heute, aber ob man hinaufklettern könnte, um erhöht zu sitzen, die nächtlichen Züge beinahe hautnah unter sich hindurch rauschen zu spüren, sodass es nicht viel bedürfe, ich vielleicht sogar kurzerhand die Hände vom Gelände nähme, um einen Moment nur frei zu balancieren, das hatte ich herausfinden wollen. Ich hatte das tun wollen, ohne mir groß etwas dabei zu denken, noch dass ich mich darüber gewundert hätte. Ich hätte es mit derselben stillen Gewissheit getan, wie ich vor Jahren, als ich noch Kind war, manchmal in den Winternächten auf dem Asphalt lag und schaute, ob ich nicht vielleicht doch irgendwann einschlief, wenn ich nur lange genug wartete (wie lange hätte ich denn warten müssen?). Ebenso wenig wusste ich, woher meine plötzliche Affinität zu Brücken gekommen war. Vielleicht genügte, dass es hier welche gab, anders als in meiner Heimat. Und dass es hier niemanden gab, der mich daran hätte hindern können. Solche Brücken hatte ich früher nicht gekannt. Oder nicht gesehen. Stattdessen sehe ich auch heute noch den Weg vor mir, den ich damals gegangen wäre. Ich sehe ihn wieder, und wieder. Manchmal ist mir dann, als warte er noch immer dort, in der Nacht.
Doch Du warst es, der mir schrieb, Ob wir uns nicht spontan sehen, einen Film zusammen anschauen wollten. Wenige Minuten vor meinem Aufbruch, ich längst die Jacke über der Schulter. Na gut, dachte ich mir. Die Eisenbahnbrücke wird auch morgen noch da sein (auch wenn ich etwas Angst hatte, sie könnte nicht). Ich stieg ins Auto, fuhr durch die Nacht, hörte Them von Nils Frahm dabei, denn was hätte ich nun sonst hören sollen. Zu dieser Stunde, in dieser Stadt, allein unterwegs, nun aber ausgerechnet einmal zu Dir. Ich glaube nicht, dass ich Dir das je erzählt habe, oder? Von der Eisenbahnbrücke, und mir; und dass ausgerechnet Du es warst, der sich zwischen uns stellte.
Nun, es ist der vierundzwanzigste Oktober, und das ist meine Erinnerung. An eine Nacht, die heute ziemlich genau zehn Jahre zurückliegen dürfte. Dass es zehn Jahre sind, verstehe ich auch erst jetzt, wie ich es geschrieben habe. Das bedeutet auch, dass wir beide uns wahrscheinlich nie kennengelernt hätten, wäre vor zehn Jahren und wenigen weiteren Tagen nicht Unglück über Dein Leben gekommen.
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